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Kriegsverluste und kriegsbedingt ins Ausland verlagerte Bestände im VD16

März 10, 2018

Bekanntlich hat die Staatsbibliothek in Berlin im Krieg und in der unmittelbaren Nachkriegszeit schwere Verluste erlitten. Noch heute haben viele Katalogeinträge den Zusatz: „Bestand erfragen/Kriegsverlust möglich“. Aber während vor 20 Jahren, mit etwas Glück, ein so gekennzeichnetes gewünschtes Buch doch noch im Magazin auftauchen konnte, kann man sich heute die Mühe des Erfragens sparen. Die entsprechenden Bücher sind entweder vernichtet, verschollen oder zumindest heute nicht mehr zugänglich.

Was die Drucke des 16. Jahrhunderts betrifft, werden die verlorenen Titel der Staatsbibliothek Berlin nicht an das VD16 gemeldet, von wenigen, wohl versehentlichen, Ausnahmen abgesehen.

Anders ist die BSB München vorgegangen. Dort wurden von Anfang an alle verlorenen Titel mit den Titeldaten aus dem Katalog ins VD16 übernommen. Nach Einführung der online-Version des VD16 fiel nicht mehr so stark auf, wie viele Drucke des 16. Jahrhunderts in München zerstört worden sind, denn man musste dafür bei jedem Eintrag erst die spezielle Datenbank mit den Exemplarangaben aufrufen. Seit der groß angelegten Digitalisierung der Münchener Bestände gibt es jetzt aber in vielen VD16-Datensätzen den Hinweis „Das Exemplar der Bayerischen Staatsbibliothek kann nicht gescannt werden (Verlust)“. Im gedruckten Grundwerk des VD16 kann man schon beim einfachen Blättern erkennen, dass die Münchner Verluste an Drucken des 16. Jahrhunderts in die Hunderte, vielleicht sogar Tausende gehen, vor allem bei den Bibelausgaben und bei den Kasualschriften.

Das Problem dieser Münchner Titelaufnahmen im VD16 liegt auf der Hand. Gerade bei den Kasualschriften sind die Titel, die nur von den Katalogkarten abgeschrieben wurden, zum großen Teil so verkürzt, dass es kaum möglich ist, Titel aus anderen Bibliotheken mit den in München verlorenen zu identifizieren. Wenn man aber bei einem Titelvergleich wegen der Ungenauigkeit oder Knappheit der Angaben nicht mehr entscheiden kann, ob die beiden Titel identisch sind oder nicht, dann wird man den ungenauen Datensatz aus München im VD16 tilgen müssen, sobald an dessen Stelle ein Titel auftaucht, der möglicherweise identisch ist. Denn selbst wenn weitere Funde von ähnlichen Titeln erfolgen sollten, dann wird es doch niemals die Sicherheit geben, dass es sich dabei um genau diese, ehemals in München vorhandenen Ausgaben handelt. Wenn man eine solche unsichere Titelaufnahme dagegen behalten würde, würde man damit zwangsläufig eine Phantomausgabe in die Welt setzen.

Bei den folgenden VD16-Nummern handelt es sich meiner Meinung nach um solche Fälle:

C 1173 = ZV 6356

C 1154 = ZV 8527

E 1773 = ZV 6375

E 1801 = ZV 6359

C 1064 = ZV 2413

C 1113 = ZV 3684

E 3798 = ZV 14366

C 1130 = ZV 3066

C 1059 = ZV 2958

S 5889 = ZV 14363

C 1157 = ZV 9933

E 1683 = ZV 9896

C 1153 = ZV 18036

B 4748 = B 4676 (der griechische Teil des Titels wurde im Katalog ausgelassen; ebenso wurde in Augsburg SuStB (Th Ex 874) verfahren)

ZV 1761 (mit dem Hinweis: „Möglicherweise identisch mit VD16 ZV 14834„)

Bei ZV 16516 = ZV 28141 wurde dasselbe verlorene Exemplar 2011 ein zweites Mal verzeichnet, woran man erkennen kann, dass keine Überprüfung stattgefunden hat.

Diesen Problemen geht die Stabi Berlin aus dem Weg, indem sie die nicht mehr vorhandenen Bücher einfach nicht im VD16 registriert. Im Berliner Katalog sind diese Titel alle verzeichnet, wenn auch zum Teil noch mit den fehlerhaften Transkriptionen der alten Katalogkarten (diese Transkriptionen wurden in den 90er Jahren von externen Schreibbüros durchgeführt, die vor den in Sütterlin verfassten Katalogkarten oft kapitulieren mussten). Das bedeutet, dass ehemals Berliner Drucke, bei denen es sich um Unikate handelt, für das VD16 gar nicht existieren. Zum Teil handelt es sich aber um Quellentexte, die ausführlich in der wissenschaftlichen Literatur der Zeit vor dem 2. Weltkrieg behandelt worden sind.

Dazu kommt, dass ein großer Teil dieser Bücher in Wirklichkeit gar nicht verloren ist, sondern jetzt in der BJ Krakau oder in der Staatsbibliothek von Moskau stehen. In Krakau sind die Drucke des 16. Jahrhunderts, die aus der Staatsbibliothek Berlin stammen, sogar sehr präzise in dem siebenbändigen gedruckten Katalog der Drucke des 16. Jahrhunderts in der BJ Krakau verzeichnet.

Catalogus librorum saeculi XVI qui in Bibliotheca Iagellonica Cracoviensis asservantur: BJ 16. Curavit Marianus Malicki, confecerunt Margarita Gołuszka, Marianus Malicki, Romana Piech, Wanda Ptak-Korbel, Eva Szczawińska, Sophia Wawrykiewicz, Eva Zwinogrodzka, Baden-Baden 2002-2005.

Ihre alten Berliner Signaturen sind dort beibehalten worden. 110 von diesen Titeln, die offenbar Unikate sind, habe ich vor sieben Jahren in die Liste der Drucke, die im VD16 fehlen, aufgenommen. Ich vermute aber, dass das längst nicht alle sind.

Jetzt sieht es so aus, als würde (allerdings sehr, sehr gemächlich) die BJ Krakau damit beginnen, ehemals Berliner Titel ins VD16 einzugeben. Bis zum vergangenen Jahr hatte Krakau (VD16-Sigle: vd117) im Ganzen nur einen einzigen Titel an das VD16 gemeldet, seit März 2017 sind fünf Titel hinzugekommen, davon drei mit ehemals Berliner Signaturen.

Das sollte die Berliner Stabi aber nicht davon abhalten, ihre Vorkriegs-Katalogisate, so wie die Münchner BSB, im VD16 zu verzeichnen, zumindest die Unikate. Nur muss anschließend auch darauf geachtet werden, dass diese Titel dort nicht als „verlorene Ausgaben“ stehen bleiben, wenn in der Zwischenzeit in anderen Bibliotheken weitere Exemplare derselben Ausgaben aufgetaucht sind.

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