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Das Geheimnis der verschwundenen VD16-Nummern

Oktober 9, 2017

Mir ist aufgefallen, dass im VD16 einige Nummern fehlen.

Bei der Suche nach bestimmten Ausgaben des 16. Jahrhunderts kommt es oft vor, dass man im online-VD16 zwar Treffer für den gesuchten Titel erhält, aber nicht im gewünschten Jahr, sondern in einer früheren oder späteren Ausgabe. Da die Ausgaben von gleichen Titeln im gedruckten VD16 chronologisch geordnet sind, ist es sinnvoll, dann bei den vorausgehenden oder nachfolgenden Nummern zu prüfen, ob man fündig wird. Es kann nämlich leicht möglich sein, dass der Titel der gesuchten Ausgabe nur in einer Kleinigkeit anders geschrieben ist als das, was man eingegeben hat.

Bei dieser Art der Suche kann es nun vorkommen, dass man auf Nummern trifft, die im online-VD16 nicht mehr existieren. Im gedruckten Werk sind diese Nummern wohl vorhanden, aber in der Online-Ausgabe wurden sie gelöscht.

Besonders verwirrend wird die Sache, wenn dann dazu bei Aufruf einer dieser Nummern nicht etwa die Seite mit der Fehlmeldung erscheint, sondern ein ganz anderer Datensatz, der mit dem gesuchten nichts zu tun hat, weil in ihm zufällig zum einen der Buchstabe der gesuchten Nummer und zum anderen die entsprechende Zahl auftauchen (z. B. bei K 11 oder bei H 1 oder F 558, wo sogar zwei ganz andere Drucke als Treffer angeboten werden, weil „F“ und „558“ vom VD16 als zu verschiedenen Nummern gehörig gelesen werden).

Die Löschungen der Nummern dürften aus der Zeit stammen, in der das VD16 darauf vorbereitet wurde, im Internet veröffentlicht zu werden. Das dauerte allerdings mehrere Jahre, denn die Bayerische Staatsbibliothek hatte auf ihrer Internet-Seite die online-Publikation der Datenbank mit ihren Erweiterungen durch das Supplement-Alphabet zwar schon für die späten 90er Jahre angekündigt, also noch bevor die Registerbände fertig waren, aber die vielen Umstellungen, die für die Online-Ausgabe vorgenommen wurden, verzögerten die online-Publikation dann bis 2004. Seitdem werden, soweit ich das überblicke, keine Nummern mehr gelöscht, sondern ein falscher Eintrag bekommt den Kommentar: „Ausgabe entfällt“, meist mit einer Begründung, wie: „identisch mit …“ oder „Teil von …“ (Beispiel: A 4376) oder „kein deutscher Druck“.

Sehr selten sind die Fälle, in denen schon im gedruckten Grundwerk eine Nummer einfach übersprungen wurde, wie die Nummer N 769. Es gibt noch andere Gründe für das Fehlen von Nummern. Fehler unterliefen z. B. bei dem Umbau der Datenbank, durch den die in Drucken enthaltenen zusätzlichen Texte nicht mehr gesondert aufgeführt werden wie im gedruckten Grundwerk. Die besonderen Nummern von „enthaltenen“ Werken, die im Grundwerk vergeben wurden, wurden in der online-Ausgabe des VD16 zwar beibehalten, nur wird man mit ihnen direkt auf den Haupteintrag umgeleitet. Gebe ich also in die Suchmaske „H 1045“ ein, lande ich bei dem Datensatz B 5368. Eindeutig zitiert werden müsste das als „H 1045 in: B 5368“.

In einigen wenigen Fällen hat diese Umleitung aber nicht geklappt, und die Nummer des enthaltenen Werks führt ins Leere, wie bei R 2685, was eigentlich auf A 3575 hinleiten sollte (der Grund ist das fehlende „R“ in der Nummer).

Auch die Nummer B 1239 ist im online-VD16 in der Nummer B 1228 aufgegangen, aber da dabei zugleich der Name des Verfassers ohne Anmerkung korrigiert wurde, ist die Nummer ohne genauere Nachforschung gar nicht mehr aufzuspüren.

Der in B 1228 enthaltene Text Oratio ad divam Catharinam ist nämlich nicht, wie im gedruckten VD16 angegeben, von Bebel, sondern von Jakob Locher (Philomusus). Das wurde in der online-Version korrigiert. In der den Text enthaltenden Ausgabe B 1228 gilt Locher jetzt jedoch als Beiträger, so dass die Nummer B 1239 ganz verschwindet. Gibt man die Nummer in die Suchmaske ein, erhält man als Ergebnis VD16 B 789, darin enthalten N 1239, also Texte, die nichts mit der gesuchten Nummer zu tun haben.

Verschwundene Nummern sind vor allem dann ein Problem, wenn sie danach in der Forschungsliteratur als Nachweise weiter herumgeistern. In der Zwischenzeit wurde B 1239 z. B. in Worstbrocks Deutscher Humanismus 1480 – 1520: Verfasserlexikon, Bd. 1 (2008), Sp. 148 zitiert, und da dort die verschiedenen VD16-Nummern von enthaltenen Werken auch nur nacheinander aufgezählt werden, steht der normale Benutzer, der nur „mal eben“ eine VD16-Nummer, die er im VL gefunden hat, aufrufen möchte, vor einem Rätsel.

In den meisten Fällen sind Nummern aber verschwunden, weil die Einträge für „Mitverfasser“ gelöscht wurden. Diese erscheinen jetzt einfach als zusätzliche Namen neben dem Hauptverfasser, wie zum Beispiel Gertrudis von Helfta, ehemals mit den jetzt gelöschten Nummern G 1638 und G 1639, jetzt dagegen unter den Nummern M 1783 und M 1784 neben Mechthild von Hackeborn; oder Caspar Kannengießer, ehemals K 72, jetzt neben Melanchthon in M 3095. Ebenso in den Fällen, in denen ein Respondent einer Universitätsdisputation vom VD16 den Status eines „Mitverfassers“ zugesprochen bekommen hatte, so z. B. ehemals D 1513 Sebastian Dieterich, jetzt: E 1400 (unter dem Namen des präsidierenden Professors).

Hier einige dieser Fälle, die mir im Laufe meiner Beschäftigung mit dem VD16 aufgefallen sind, hauptsächlich Universitätsdisputationen, aber auch Hochzeitsgedichte und anderes, unsystematisch gesammelt:

B 392 (Barletius, übersetzt von Pinicianus) ist der 4. Teil von D 1389, ist dort in der Titelaufnahme zwar erwähnt, wird aber unter den beigefügten Werken nicht angegeben.

B 6291 (Boeckel, Jan) = B 6327

D 1514 (Dieterich) = G 2000

D 1515 (Diethard) = K 1536

C 5782 (Crepserus) = P 1286

F 558 (Falck) = E 851

H 1 (Haag) = D 96

H 10 (Haberkorn) = G 2371

H 11 (Haberlandt) = H 3117

H 190 (Hagius) und S 6365 (Siegfried) = M 1942

J 182 (Janus) = M 1367

K 11 (Kager) = H 331

K 73 (Kanngießer) = M 4029 in L 5748

L 1414 (Leyck) = H 4429

P 2790 (Pincier) = B 8992

P 4189 (Ponikau) = G 80

P 4190 (Ponikau) = G 90

T 292 (Tegeder) = H 4461

V 2116 (Vogel) = A 2600

Wenn dagegen ZV-Nummern, die ja erst nach dem Erscheinen des Grundwerks vergeben wurden, fehlen, lässt sich für Außenstehende nicht mehr nachträglich rekonstruieren, worauf sie sich einmal bezogen haben. Diese Nummern konnten frei werden, wenn sich herausstellte, dass sie einer Ausgabe zugeordnet worden waren, die in Wirklichkeit schon zuvor eine andere Nummer bekommen hatte. Normalerweise wurden solche freigewordenen ZV-Nummern mit anderen, neu aufgefundenen Ausgaben belegt. Einige blieben aber trotzdem frei, einfach deshalb, weil vergessen wurde, sie neu zu belegen, wie etwa ZV 16940, ZV 17322 oder ZV 24564. Sie sind auch ganz unproblematisch, weil sie in der Forschungsliteratur nicht auftauchen und niemand auf die Idee kommen kann, nach ihnen zu suchen.

Bei den Nummern aus dem gedruckten Grundwerk dagegen sollten auf jeden Fall die Löschungen rückgängig gemacht werden, und die betreffenden Datensätze sollten mit dem Verweis „entfällt, identisch mit …“ versehen werden, damit möglicherweise in der Forschungsliteratur existierende Verweise nicht ins Leere führen. Wie viele fehlende Nummern es im Ganzen im VD16 gibt, ist unklar. Man müsste dazu im gedruckten Grundwerk nach allen „Mitverf.“-Einträgen suchen.

Ein Kuriosum zum Schluss: einzigartig im VD16 ist die Signatur ZV 15260A mit dem angehängten Buchstaben, wahrscheinlich ein Relikt aus einem früheren Entwicklungsstand der Datei. Gewissermaßen ein archäologisches Fundstück.

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