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Konfessionalisierungsthese und Literaturgeschichte

Januar 5, 2015

Auf seiner Seite in academia.edu hat Bruce Gordon unter dem Titel „Religious History Beyond Confessionalization“ ein kürzlich in der Zeitschrift „German History“ erschienenes Forumsgespräch über das Forschungskonzept der „Konfessionalisierung“ und seine Zukunftsperspektiven eingestellt (German History (2014) 32 (4): 579-598 doi:10.1093/gerhis/ghu104)

An dem Gespräch nahmen Marc Forster (Connecticut College), Bruce Gordon (Yale), Joel Harrington (Vanderbilt), Thomas Kaufmann (Göttingen), Ute Lotz-Heumann (Arizona) und Bridget Heal teil. Eine Feststellung, über die man sich weitgehend einig war, war die Diskrepanz zwischen der großen Bedeutung, die das Konzept in den letzten 30 Jahren in der deutschen Frühneuzeitforschung gehabt hat, und seiner gemessen daran geringen Ausstrahlung auf die Geschichtswissenschaft im Ausland. Besonders Bruce Gordon betont diesen Aspekt.

Mir kam beim Lesen des Gesprächs der Gedanke, dass dasselbe auch für die Ausstrahlung auf die Germanistik gilt. So hatte 2007 Ute Lotz-Heumann zusammen mit Matthias Pohlig einen Aufsatz in der Zeitschrift Central European History (Confessionalization and Literature in the Empire, 1555-1700, in: CEH 40/2007, S. 35-61) verfasst, mit dem sie einen Dialog zwischen der Geschichtswissenschaft und der Literaturwissenschaft anstoßen wollten.

Beide arbeiteten damals in dem Projekt von Heinz Schilling an der Humboldt-Universität. Die Frage war: Wenn die Konfessionalisierung ein fundamentaler Prozess war, der die gesamte Gesellschaft erfasste, musste er sich dann nicht auch in der Literatur niederschlagen? Die Beispiele, die Pohlig und Lotz-Heumann anführten und die sich ihrer Ansicht nach dem Konzept der Konfessionalisierung zuordnen lassen, stammten zum größten Teil aus dem 17. Jahrhundert.

Auf dieses Gesprächsangebot an die Germanistik hat es, soviel ich weiß, keine Reaktion gegeben. Die Germanistik, die ja z. B. den Epochenbegriff der „Frühen Neuzeit“ bereitwillig aus der Geschichtswissenschaft übernommen hat, hat ganz allgemein die Konfessionalisierungsthese nur in sehr geringem Maße zur Kenntnis genommen. In Hansers Sozialgeschichte der Literatur, deren Band zum 15. und 16. Jahrhundert 2004 erschien, gibt es wohl zwei Kapitel, die die „Konfessionalisierung“ im Titel führen (Gerhard Hahn, Literatur und Konfessionalisierung sowie Walter Raitz, Werner Röcke, Dieter Seitz, Konfessionalisierung der Reformation und Verkirchlichung des alltäglichen Lebens in: Die Literatur im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Hrsg. von Werner Röcke und Marina Münkler. Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur 1. München 2004 ), aber mit dem Konfessionalisierungsbegriff der Geschichtswissenschaft haben sie wenig zu tun. Zeitlich enden diese beiden Beiträge um die Mitte des 16. Jahrhunderts, wo das Zeitalter der Konfessionalisierung eigentlich erst beginnt.

Nun gibt es aber bestimmte literarische Bereiche, in denen die Konfessionalisierung ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ganz sicher eine Rolle spielt, in denen konfessionell begrenzte Traditionen entstehen, wie etwa in den protestantischen Bibeldramen, im jesuitischen Theater oder bei den Gesang- und Gebetbüchern. Das ist auch schon immer betont worden.

Auch die Ständebelehrungen gemäß dem 1529 von Luther entworfenen Modell der „Haustafel“, die zuerst wenig beachtet blieben und sich erst seit den 50er Jahren des 16. Jahrhunderts ausbreiteten, können ohne Weiteres als ein Symptom der Konfessionalisierung angesehen werden. Ich habe bei den Forschungen für meine Dissertation über die Haustafelliteratur auch überlegt, ob ich das Konzept selbst als Analyseinstrument heranziehen sollte, habe es aber gelassen, weil mir das im germanistischen Kontext zu unerprobt erschien. Ich habe nur auf die Bedeutung der Ehe für die Herausbildung des lutherischen Konfessionsbewusstseins hingewiesen (S. 68). In der Hochachtung der von Gott im Paradies erschaffenen Institution der Ehe glaubten die Lutheraner sich den Katholiken überlegen, ihnen unterstellten sie dagegen eine Geringachtung der Ehe. Insofern gehört das Thema zum Bereich der Konfessionsbildung. Tatsächlich setzte bei den Katholiken eine intensivere Beschäftigung mit der Ehethematik, die sich in an die Laien gerichteten Schriften ausdrückte, erst am Beginn des 17. Jahrhunderts ein.

Aber ich hatte immer, auch wenn ich auf die Konfessionalisierungsthese nicht näher eingegangen bin, den Eindruck, dass noch mehr dahinter steckte. Raitz, Röcke und Seitz sprechen z. B. von der Teufelbüchern, was ja nun wirklich eine rein lutherische Gattung war, wenn sie auch nicht lange existierte, es war eher eine Mode. Aber nicht nur die Haustafelliteratur, auch die Zeit der Ehepredigten beginnt erst nach 1550 (vgl. in meiner Dissertation den Exkurs S. 103 – 111), überhaupt gibt es danach erst den Boom der vielen vor allem lutherischen, auch von Laien verfassten Ehelehren (auch wenn die Anfänge davon schon im 15. Jahrhundert liegen). Gegen Ende des Jahrhunderts entsteht u. a. aus dieser Tradition die Hausväterliteratur.

Dann gab es nach 1560 die gedruckten Leichenpredigten, eine weitere weitgehend protestantische Gattung. Dazu kommen die Gesangbücher und die Gebetbücher. Diese existierten zwar auch auf katholischer Seite, aber die große Nachfrage danach setzte in beiden Konfessionen erst in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts ein. Dann entstehen nach 1550 Tierbücher, Pflanzenbücher, Regentenspiegel, Trostbüchlein und astrologische Flugschriften, die konfessionell ausgerichtet sind. Die Neujahrspredigten sind ein ganz besonderes Kapitel, weil sie anfangs aus einer katholischen Tradition stammten, die von Luther explizit abgelehnt wurde. Nach 1570 entwickelte sich aber eine Tradition lutherischer Neujahrspredigten, nicht jedoch auf calvinistischer Seite, während auch die Katholiken diese Tradition etwa ab 1580 wieder aufnahmen. Es entsteht also wirklich Neues in der Zeit nach 1550.

Nun sind das alles nur Teilbereiche der Literatur, großenteils Predigten, die zudem einen erweiterten Literaturbegriff voraussetzen, wie er vom Verfasserlexikon des Mittelalters vertreten wird. Predigten sind aber das Massenmedium des Mittelalters, der Buchdruck erweitert dann zusätzlich ihren Rezipientenkreis. Dazu verbreiten sie nicht nur religiöses Wissen in allen Schichten der Gesellschaft, denn die Exempelgeschichten innerhalb der Predigten enthalten nicht nur biblisches Bildungsgut, sondern sie greifen oft auch auf antike und zeitgenössische Quellen zurück, sie bilden eigene Erzähltraditionen aus. Die Predigten sind das Hauptmedium der konfessionell sich voneinander abgrenzenden (und einander beeinflussenden) Kulturen. Ebenso wichtig sind dafür die Gesangbücher und generell die geistlichen Lieder, auch als Einzeldrucke, und damit sind wir eindeutig auf dem Gebiet der Dichtung.

Es existieren dagegen sicher auch bestimmte Bereiche der Literaturproduktion des 16. Jahrhunderts, die ganz frei von konfessionellen Hintergründen sind. Aber das wäre, meiner Meinung nach, Gattung für Gattung zu überprüfen.

In den AHF-Informationen von 2012 (Arbeitsgemeinschaft historischer Forschungseinrichtungen, Tagungsberichte, online leider nicht mehr zugänglich) wurde ein Bericht über die Tagung „Wem gehört die Reformation?“ in Bretten veröffentlicht, auf der Barbara Mahlmann-Bauer einen Beitrag über die Auswirkung auf die Literatur durch Luther und andere Reformatoren einbrachte, die bestimmte literarische Erzeugnisse bevorzugt und gefördert haben. („Reformation als Medienereignis und ihre Wirkung auf die Literatur“; der Tagungsband ist mittlerweile erschienen, aber leider ohne Mahlmann-Bauers Aufsatz).

Genannt werden in der Zusammenfassung des Tagungsberichts: Verkündigung und propagatio fidei, Totengespräche, der satirische Dialog, der Sendbrief, Fabeln, Narrensatiren, autobiographische Zeugnisse, Bibeldramen, Märtyrerdramen, Teufelsfiguren, Literatur von Frauen, Träume und Prophezeiungen sowie Utopien von Friedensreichen. Natürlich sind literarische Vorlieben bestimmter historischer Figuren und literarische Epochenbegriffe zwei verschiedene Paar Schuhe, aber wegen der Vorbildfunktionen der Reformatoren wären diese genannten Gattungen wohl auf konfessionelle Ausprägungen besonders zu prüfen.

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