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Straßburger Drucke in französischer Sprache im USTC

Oktober 19, 2014

Ich habe dasselbe, was ich in meinem letzten Blogbeitrag mit den Kölner Drucken gemacht habe, mit den Straßburgern durchgeführt: die Suche im USTC nach Drucken in französischer Sprache, um zu sehen, ob hier deutsche Drucke nachgewiesen sind, die noch nicht im VD16 verzeichnet sind. Diesmal gab es 105 Treffer, aber dabei finden sich im Verhältnis viel weniger solche, die keine VD16-Nummer haben. Das liegt hauptsächlich daran, dass das VD16 die Bibliographie strasbourgeoise von Josef Benzing ausgewertet hat. In der Tat sind sehr viele der VD16-Einträge ohne einen Standort, sie sind Benzings Bibliographie entnommen. Insofern ist der USTC hier eine gute Ergänzung zum VD16, weil in ihm einschlägige Exemplar-Standorte angegeben sind.

Auf der anderen Seite gibt es hier aber auch mehr Doppeleinträge im USTC, bei denen also nicht aufgefallen ist, dass die entsprechenden Ausgaben aus dem VD16 im USTC schon vorhanden waren. Nebenbei kam dabei auch noch zwei Doppeleinträge im VD16 selbst zutage, davon ist einer erst kürzlich erfolgt:

ZV 14454 = ZV 29700 (wohl vom Oktober 2013)

sowie ein Lutherdruck in französischer Übersetzung:

B 3781 = L 4564.

Da diese beiden letzteren Einträge des VD16 auch in den USTC übernommen wurden, wo die Ausgabe schon vorhanden war, haben wir in diesem Fall eine dreifache Aufnahme desselben Titels im USTC:

USTC 687699 = USTC 687700 = USTC 10382.

Noch mehr als bei den Kölner Drucken gibt es in Straßburg die Unsicherheit, ob die Ausgaben nicht vielmehr woanders entstanden sind und die Ortsangabe Straßburg nicht nur fingiert ist. Druckernamen wie Jan Zimmermann, Jean Nesle, Gillot Le Porché, Oel boum Heugst, Sebastien Brikman sind sonst nicht belegt, und die vielen nach 1564 erschienenen angeblichen Drucke von Pierre Estiard sind ebenfalls verdächtig, weil Estiard schon 1564 gestorben ist (vgl. R.I.E.C.H.). Bei Reske und Benzing taucht Estiards Name gar nicht auf, obwohl Jean Muller im 3. Teil der Bibliographie strasbourgeoise 13 Titel von ihm aufführt (S. 538f).

Mich interessiert nun, durch eine Gegenüberstellung zu sehen, ob USTC und VD16 sich auf unterschiedliche Informationsquellen mit eventuell abweichenden Angaben zu diesen Drucken berufen. Divergenzen gibt es z. B. bei dem Titel „Le reveille-matin des françois et de leurs voisin“ mit der fingierten Firma „Edingburgh: Jacques James“. Der USTC (6024) weist diesen Druck Jean und François Le Preux in Lausanne zu, das VD16 dagegen Bernard Jobin in Straßburg. Digitalisate liegen vor, aber solange die Indizien, die für die eine oder die andere Zuweisung sprechen, nicht offengelegt werden, bleibt dem Nicht-Spezialisten nichts anderes übrig, als beide Vorschläge anzugeben. Der USTC setzt vorsichtshalber nach der Titelzeile unter „Imprint“: Lausanne und unter „Place“: Strasbourg ein.

Zu den ungeklärten Fällen gehören auch die vier Ausgaben von „Recueil des choses memorables passées et publiées pour le faict de la religion et estat de la France“, Strasbourg: Pierre Estiard 1565 (und 1566): USTC 19717, USTC 6940 (ohne Firma), USTC 6521 und USTC 1399 (hier mit dem Hinweis, der wahre Druckort sei Rouen. Mit derselben Zuweisung nach Rouen dann noch einmal USTC 66268).

Ein Exemplar von USTC 6521 ist in München digitalisiert. Dieses Exemplar war einmal im gedruckten VD16 mit der Nummer C 4695 verzeichnet, eine weitere Ausgabe von 1566 (wohl USTC 1399) mit der Nummer C 4696 (vorh. in der LB Coburg). Die beiden Nummern sind aber in der online-Fassung des VD16 für ungültig erklärt worden, weil die Ausgaben in Rouen gedruckt seien.

Während also, wie im vorhergehenden Blogbeitrag gezeigt, einige Ausgaben im VD16 stehen bleiben (z.B. VD16 ZV 1243), auch wenn der angegebene Druckort sich als fingiert erweist, werden andere Ausgaben aus demselben Grund nachträglich ausgemustert.

Ungeklärt ist in diesem Fall vor allem auch der Autor. Das VD16 hatte die beiden Ausgaben unter dem Autor Louis I de Condé geführt. Das Exemplar in München hat im BSB-Katalog gar keinen Autor. Nach dem USTC soll Jean de Serres der Verfasser sein, der aber von 1540 bis 1598 lebte und 1565 noch studierte (vgl. frz. Wikipedia). Der Grund für diese höchstwahrscheinlich falsche Zuschreibung liegt wohl darin, dass ein von Serres in den 90er Jahren des 16. Jahrhunderts verfasstes Geschichtswerk sich in der Titelformulierung an dem hier zur Rede stehenden Buch orientiert (Recueil des choses mémorables avenues en France sous le règne de Henri II, François II, Charles IX et Henri III de la maison de Valois, 1594 USTC 6321), so dass die Bibliografen ihm auch den früheren anonymen Titel zugeschrieben haben.

Während der Drucker Pierre Estiard in diesen Fällen wohl eine fingierte Angabe ist, weil er schon 1564 gestorben ist, wird sein Name im USTC im Fall eines anderen Geschichtswerks mit dem Titel „Histoire de l’estat du Pais Bas et de la religion d’Espagne“ als realer Straßburger Drucker eingesetzt (USTC 3782, nicht dagegen in USTC 41563 und 15083), während die Firma „A S Marie: François Perrin 1558“ als fingiert angesehen wird. Mit „A S. Marie“ ist das heutige Sainte-Marie-aux-Mines an der Grenze vom Elsass zu Lothringen gemeint, und von dort sind sonst keine Drucke bekannt. Straßburg als Druckort ist also durchaus möglich, und bis 1564 war Pierre Estiard ja wohl auch eine reale Person. Aber das gilt ebenso für den später in Genf bezeugten Drucker François Perrin (vgl. R.I.E.C.H.). Warum es sich also um eine fiktive Angabe halten soll, bleibt unklar.

Das VD16 (E 1435) kennt von dieser Ausgabe kein Exemplar, beruft sich aber auf die Angaben in Benzings Bibliographie strasbourgeoise. Benzing (Nr. 487) hält Perrin für den Drucker und Estiard für den Verleger. Aber welche Indizien sprechen für Estiard, wenn sein Name nicht auf dem Titelblatt erscheint? Benzing und Muller nennen als Quelle Rodolphe Peter, Les premiers ouvrages français imprimés a Strasbourg. In: Annuaire de la societé des Amis du Vieux-Strasbourg IV/1974, VIII/1978, X/1980 (auch im USTC, dort aber ohne Auflösung der Abkürzung „Peter“), eine Zeitschrift, an die ich hier nicht ohne weiteres herankomme. Möglicherweise findet man dort die Antwort.

Bei diesem Druck ist darüber hinaus auch der Autorname fingiert, anstatt François du Chesne bestimmt das VD16 (Benzing folgend) Francisco de Enzinas als den Autor.

In anderen Fällen dagegen scheint der USTC gegenüber dem VD16 die besseren Informationen zu liefern. Das Werk „L’estat de l’Eglise dez le temps des apostres jusques a l’an present“ wird im VD16 (C 5783) unter dem Autor des Vorworts, dem Lyoner Drucker Jean Crespin, geführt, im USTC dagegen unter dem Namen von Jean de Hainault (USTC 495, USTC 16713 und USTC 3789). Auch bei der Schrift „Declaration faicte par Guillaume conte de Furstenberg touchant la querele qu’il a avec Sabatien Vogelspergern“ von 1539 gibt es Unterschiede, der USTC kann sie dem Autor Jean Calvin zuordnen und nicht, wie es vom Titel her scheint, Wilhelm von Fürstenberg (so VD16 F 3326 und dann allerdings – dem VD16 mit einer duplizierenden Aufnahme folgend – auch USTC 632078).

Dazu kommen als Zweifelfälle viele Drucke ohne Druckerangabe, in denen nur „Strasbourg“ vermerkt ist. Einige davon hat der USTC französischen Druckern zugewiesen. Nach dem oben erwähnten Beispiel ist aber nicht mehr klar, ob diese Schriften in das Verzeichnis der im deutschen Sprachbereich erschienenen Drucke aufzunehmen sind oder nicht.

Noch eine Bemerkung zu der Frage, warum wohl einige VD16-Nummern im USTC nicht auftauchen, denn eigentlich hat der USTC das VD16 ja komplett übernommen. Ganz sicher haben sie dort nicht 100.000 Titel einen nach dem anderen in den USTC übertragen. Ebenso sicher ist aber auch, dass den Herausgebern des USTC von Anfang an klar war, dass die Kumulation von verschiedenen Verzeichnissen zwangsläufig zu Doppelaufnahmen führen musste. Dieser Nachteil ist in Kauf genommen worden – sehr zu recht, denn sonst wäre diese nützliche Zusammenführung der verschiedenen nationalen Verzeichnisse technisch nicht machbar gewesen. Offenbar hat man dann in den auf der Hand liegenden Überschneidungsfeldern, also z. B. bei den Drucken in anderen Sprachen, eine Durchsicht Titel für Titel vorgenommen. Dabei sind, das ist meine Vermutung, die als Doppelaufnahmen erkannten Nummern, die aus dem VD16 stammten, eliminiert worden, jedoch ohne die VD16-Nummer zugleich in den verbliebenen USTC-Datensatz zu übertragen. Das wird eine Frage des Arbeitsaufwands gewesen sein, schmälert aber in den betreffenden Fällen den Wert des USTC. Denn nur durch die Gegenüberstellung von abweichenden Titelaufnahmen bei denselben Exemplaren können die beiden Verzeichnisse sich kritisch ergänzen. Viele Doppelverzeichnungen sind außerdem bestehen geblieben, weil sie offenbar übersehen wurden. Da gibt’s noch einiges zu tun.

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