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Das Exempel vom unbekannten unehelichen Sohn

Juli 4, 2014

Die reimenden Pastoren des 16. Jahrhunderts sind ja legendär. Manchmal findet man aber bei ihnen sehr interessante Details, besonders dann, wenn sie Predigtexempel heranziehen, die nicht zum Kanon der gängigen Geschichten (mit ihren entsprechend stereotypen Auslegungen) gehören.

Ein solcher ganz unbekannter, sich der Dichtung hingebender Pastor ist Elias Noricus (um 1555 – nach 1622), dessen Werke schon zu Lebzeiten nicht besonders berühmt gewesen sein können, denn der als Geschichtsfälscher heute etwas bekanntere Adolarius Rothe (ADB 28, S. 397f.) hat u.a. auch eines der Gedichte von Noricus plagiiert, offenbar ohne große Befürchtung hegen zu müssen, dabei von seinen Widmungsadressaten ertappt zu werden. Rothes Schriften „Der Eheleute Lustgarten“ (Erfurt 1600, VD16: ZV 13390 und Jena 1600, VD16: R 3284) und „Strena oder Neue Jahresverehrung“ (Eisleben 1602, VD17: 23:286417V) sind beide ganz schamlos dem umfangreichen Reimwerk „Das neue Jahr“ (Helmstedt 1593, VD16: N 1849) von Elias Noricus entnommen.

Bei diesem letzteren Gedicht handelt es sich um eine über 7000 Verse umfassende gereimte Auslegung der Lutherschen Haustafel, bei der Noricus im Gegensatz zu den zahlreich existierenden Auslegungspredigten zur Haustafel den Rückgriff auf biblische Exempel stark reduziert. Die antiken und zeitgenössischen Exempel werden dagegen ausführlich vorgestellt und stehen bei ihm im Vordergrund. Kurze Inhaltsangaben der Exempel in dem Noricus-Artikel im Wiki.

Eines der Exempel, die mir aufgefallen sind, die ich aber nicht genauer auf ihre Quellen zurückverfolgen konnte, ist die Geschichte einer Kaufmannsfrau in Böhmen, die sich während einer längeren Abwesenheit ihres Mannes mit einem Liebhaber einlässt und geschwängert wird. Bei der Rückkehr ihres Mannes überzeugt sie diesen aber davon, dass das Kind von ihm gezeugt sei. Viele Jahre später, als ihr Mann schließlich gestorben ist, hat sie starke Gewissensbisse. Sie versammelt alle ihre Söhne um sich und eröffnet ihnen, dass einer von ihnen unehelich sei. Wenn sie es wollten, würde sie ihn zu erkennen geben. Die Söhne beraten sich untereinander und beschließen danach, dass sie nicht erfahren wollen, wer der Uneheliche von ihnen sei. Die Mutter aber lebt bis zu ihrem Ende in Traurigkeit.

Noricus zieht im Kapitel über die Eheleute dieses Exempel heran, um zu demonstrieren, dass Fehltritte das Gewissen bis zum Lebensende belasten. Dabei ignoriert er das eigentliche Thema des Exempels, nämlich die Entscheidung der Söhne, lieber die brüderliche Einigkeit zu wahren als herauszufinden, wer der Uneheliche in ihrem Kreis sei. Dies erweckt bei mir eine Assoziation zur Ringparabel, in der die Söhne nicht wissen, wer den vom Vater geerbten wundertätigen Ring und wer die Imitationen besitzt, und die am Ende vom Richter ermahnt werden, allein durch ihr Verhalten ihre Auserwähltheit zu erweisen. Natürlich hat das vorliegende Exempel keinen Bezug zur religiösen Problematik wie die Ringparabel, trotzdem wirkt es in bestimmter Hinsicht wie ein Gegenentwurf zu ihr (der selbstverständlich nicht von Noricus intendiert ist).

Ein Selbstzitat aus meiner Dissertation (mit Verlaub…):
„Während in der Ringparabel die für einen einzelnen Sohn bestimmte Auszeichnung auf Beschluss des liebenden Vaters auf alle Brüder ausgedehnt wird, indem das Zeichen durch eine Fälschung vervielfältigt und damit verborgen wird, wird hier der Makel eines einzelnen auf gemeinsamen Beschluss der Brüder, nichts davon wissen zu wollen, verborgen. In beiden Fällen ist der Friede das Ziel, denn das Wissen würde zu sozialen Abstufungen führen und so den Frieden zerstören.“ (S. 286, Anm. 847)

Auf der Ebene der Erzählung der Ringparabel darf man davon ausgehen, dass der Richter dem Vater nicht blinde Liebe unterstellt, die den eigentlich der Auszeichnung würdigen Sohn um seine Ehre betrügt, sondern ein weises Vertrauen in das Bedürfnis aller Söhne, die Ausgezeichneten seiner Liebe zu sein, was am Ende ohne Intention der Akteure zu einer Verbesserung des Lebens für alle führt, zu einem Frieden, in dem jeder seine Würdigkeit, der vom Vater Geliebte zu sein, beweisen möchte. Das bedeutet zugleich, dass damit ein gewisser Zweifel an der Nützlichkeit der bis dahin üblichen Exzellenz-Initiative (der Ringvergabe an nur einen Sohn) zum Ausdruck kommt.

In dem Exempel von dem unbekannten unehelichen Sohn ist es genau umgekehrt, und doch ist das Ziel dasselbe. Dadurch, dass keiner weiß, wer der Unehrenhafte ist, haben alle Brüder ein Interesse daran, die anderen so zu behandeln, dass der Verdacht der Unehelichkeit sich nicht gegen sie wendet. Zugleich schließen sich die Brüder in der Verteidigung der Familienehre zusammen. Die disziplinierende Kraft der Angst davor, zu den Verdammten gerechnet zu werden, dürfte für das zeitgenössische Lesepublikum ein plausibles Argument gewesen sein. Auch hier kommt ein Zweifel an einer verbreiteten Vorstellung zum Ausdruck, nämlich an der, dass die Unehelichkeit sich in jedem Fall in charakterlichen Defekten äußert und am Ende nicht geheim gehalten werden kann.

Gemeinsam ist den beiden Exempeln (denn auch die Ringparabel hat den Charakter eines „Exempels“, denn sie könnte theoretisch als Exempel verwendet werden), dass sie von den in der Frühen Neuzeit verbreiteten Lehrmeinungen abweichen. Gemeinsam ist ihnen auch, dass in ihnen ein Weg vorgeschlagen wird, die Menschen zu einem gemeinnützigen Verhalten zu bringen, indem sie vermeintlich nur ihren eigenen innerweltlichen Nutzen verfolgen.

Noricus dagegen interessiert sich nur für die Langzeitwirkung des schlechten Gewissens, die in dem Exempel zwar vorkommt, aber nur einen die Pointe vorbereitenden Nebenaspekt darstellt.

Johannes Bolte bietet in seiner Ausgabe von Paulis „Schimpf und Ernst“ (Berlin 1924, Bd. 1, Nr. 577) eine leicht abweichende Version der Geschichte aus einer erweiterten Auflage von 1550 und dazu dann weitere Fundstellen (Bd. 2 Nr. 809, z. B. Joh. Gast, Convivalium, Basel 1561, Bd. 1, S. 62, VD16: G 531; Gilbertus Cognatus (Cousin), Narrationum silva, Basel 1567, S. 109 VD16: C 5618 sowie weitere). Aber das sind alles nur Exempelsammlungen. Interessant wäre es dagegen herauszufinden, ob dieses Exempel von anderen Autoren vielleicht auch im Zusammenhang einer Predigt oder eines Traktats verwendet wurde, um zu sehen, ob es in der Auslegung von allen so reduziert wurde wie von Noricus.

 

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