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Die Mainzer Gesangbuchbibliographie und das VD16

November 13, 2013

Das Verzeichnis der VD16-Nummern der im Verfasserlexikon enthaltenen Drucke des 16. Jahrhunderts ist jetzt fast fertig, es fehlen nur noch die Ausgaben, die noch keine VD16-Nummer haben und in die Liste des Wikis „Nicht im VD16“ eingetragen werden sollen (soweit ich Bibliotheksstandorte dazu finden kann).

Mein nächste Vorhaben für das Wiki, das ansteht, soll das Verzeichnis der VD16-Nummern für die Mainzer „Gesangbuchbibliographie“ werden. Das Projekt der Gesangbuchbibliographie hat eine Datenbank der deutschsprachigen Gesangbücher erstellt, dafür wurde es von 1999 bis 2008 gefördert. Das erste verzeichnete Buch ist von 1520, das letzte von 2009. Das Projekt hat nach eigenen Angaben (so der kurze Einleitungstext) über 28.000 Titel zusammengetragen (aktueller Stand: 29.740), während frühere Schätzungen von nur 10.000 erwartbaren Titeln ausgingen. Wie es scheint, hat die DFG daraufhin wohl einen Schreck bekommen und die Förderung eingestellt. Jedenfalls wird die unfertige Datenbank jetzt im Internet als „Work in Progress“ präsentiert, was man bei der Benutzung in Rechnung stellen muss, da vermutlich noch sehr viele Fortschritte bis zu einem wirklichen Abschluss nötig sein werden.

Ich habe mir nur den Teil von 1520 bis 1600 näher angesehen und kann mich nur dazu äußern. Die Zahl der Einträge für diese 80 Jahre beträgt ungefähr 1000, also nur wenig mehr als 3% der Gesamtzahl. Die tatsächliche Zahl der erfassten Ausgaben ist noch um einiges geringer als 1000, weil nicht nur viele sehr ungenaue Angaben aus der Sekundärliteratur aufgenommen wurden (Beispiel: „Plattdeutsches Gesangbuch. Hamburg 1600, ev.-lutherisch“), die man kaum verwenden kann, sondern auch, weil in vielen Fällen dieselbe Ausgabe mehrmals auftaucht, z. B. wenn zwei verschiedene Quellen dieselbe undatierte Ausgabe verschieden datieren oder wenn eine der Quellen den Titel etwas unpräzise wiedergibt.

Eine solide Basis, an der sich die Bibliographie für den von mir untersuchten Zeitabschnitt orientiert, bieten allerdings die Titelaufnahmen aus dem „Deutschen Kirchenlied“ (DKL) von 1975, die für die Zeit ab 1524 etwa zur Hälfte in die Gesangbuchbibliographie übernommen wurden. Das DKL wurde als Teil des europäischen RISM-Projekts (Répertoire International des Sources Musicales) erarbeitet und stellte zugleich die bibliographische Grundlage für ein weiteres deutsches musikgeschichtliches Projekt zur Edition der Melodien der geistlichen Lieder der frühen Neuzeit (EdK) dar, das mittlerweile abgeschlossen wurde (der letzte Band mit den Registern erschien 2010).

Im Unterschied zur Gesangbuchbibliographie war das Auswahlkriterium des DKL das Vorhandensein von Noten in den Lieddrucken, und der Erfassungszeitraum reichte von der Inkunabelzeit bis 1680. Sicher war die Existenz dieses 1975 abgeschlossenen Projekts der Grund dafür, dass bei der Planung des VD16 am Ende der 60er Jahre die Drucke der „Musica practica“ ausgeschlossen wurden (was allerdings wegen der ausgedehnten Grauzone als Ausschlusskriterium nie einheitlich durchgeführt wurde und mittlerweile, also fast 40 Jahre nach dem Abschluss des DKL, auch obsolet ist).

Das heute noch Erstaunliche an diesem Projekt der 60er und frühen 70er Jahre ist, wie viele verschiedene Bibliotheken dafür untersucht wurden, wie viele Mitarbeiter mithin daran beteiligt waren, vor allem in der DDR, in Polen und der damaligen CSSR. Das Projekt muss damals hervorragende Kontakte ins sozialistische Ausland gehabt haben, denn normalerweise bekamen westliche Forscher dafür nur unter großem Aufwand Genehmigungen. Die Titelaufnahmen scheinen zum großen Teil autoptisch zu sein, sie sind jedenfalls, wenn man sie am VD16 kontrolliert, sehr präzise.

Es ist daher verwunderlich, dass das VD16 von dieser Bibliographie kaum Gebrauch gemacht. Die Sigle „RISM B VIII“ (das ist das DKL) taucht im VD16 im Ganzen nur ca. 30 mal auf, und zwar 10 mal für die Zeit von 1501 bis 1515 und die übrigen 20 fast nur für Titel der 1520er Jahre. Da das DKL chronologisch geordnet ist, hat es hier den Anschein, dass eine Auswertung dieser Bibliographie für das VD16 kurzzeitig begonnen und dann wieder abgebrochen wurde.

Heute ist das DKL eine wichtige Ergänzung zum VD16, gerade wegen der vielen Standortangaben, und zwar gerade dort, wo das VD16 überhaupt keine Standorte bietet, weil es nur die Titelaufnahmen aus den beiden alten Bibliographien von Philipp Wackernagel benutzt (Bibliographie zur Geschichte des deutschen Kirchenliedes im 16. Jh. 1855, sowie Das deutsche Kirchenlied 1864 – 1877). Das einzige Handicap dabei ist, dass im DKL die Signaturen der Bücher fehlen. Deren Angabe waren 1975 offenbar noch nicht der Standard.

Die Gesangbuchbibliographie hat für den Zeitraum von 1520 bis 1600 ca. 1000 Einträge, das DKL für denselben Zeitraum ca. 950. Die Schnittmenge liegt aber nur bei etwa 500. Denn während das DKL alle Drucke ausschließt, die keine Noten enthalten, berücksichtigt die Gesangbuchbibliographie dagegen weder Einblattdrucke noch solche Drucke, die nur ein oder zwei einzelne Lieder enthalten, also nicht als „Gesangbücher“ angesehen werden können. Deshalb muss ich die anfängliche Idee, zugleich eine Konkordanz von VD16, DKL und Wackernagels Bibliographie zusammenzustellen, erst einmal aufschieben, weil zu viele Aufnahmen des DKL in der Gesangbuchbibliographie fehlen. Aber es ist eine gute Vorarbeit für eine umfassende Konkordanz der Verzeichnisse geistlicher Lieddrucke des 16. Jahrhunderts.

Für mich ist der gesamte Bereich der Gesangbuchforschung Neuland. Ich habe das DKL wohl vor langer Zeit einmal in der Hand gehabt, aber ich habe damals nicht viel damit anfangen können. Jetzt habe ich gesehen, dass das RISM, in dessen Rahmen das DKL entstanden ist, auch eine eigene Website hat, offenbar steht auch eine regelrechte Community dahinter, wie man an einigen Kommentaren auf dieser Seite erkennen kann. Also eine ganz eigene Galaxis. Auf Wikipedia hat jemand dazu eine enorm lange Liste der Bibliotheksstandorte von Musikdrucken aufgestellt.

Die Mainzer Gesangbuchbibliographie geht nun weit über den Untersuchungszeitraum des DKL hinaus. Sie ist riesig, und es ist sehr zu begrüßen, dass zumindest das bisher Zusammengetragene zugänglich gemacht worden ist und nicht als CD-Rom in irgendeinem Keller verschimmelt, während man darauf wartet, dass das Projekt irgendwann einmal eine Anschlussfinanzierung bekommt. Die Bibliographie wird auch durchaus in der Forschung benutzt: Die Suche in Google Books unter dem Stichwort „Mainzer Gesangbuchbibliographie“ ergibt mehrere Treffer, und neuere Einträge ins VD16, die aus Berlin stammen, beziehen sich ausdrücklich auf sie (z. B. ZV 28479, ZV 28492, ZV 29438).

Was den begrenzten Zeitabschnitt bis 1600 betrifft, fällt vom bibliographischen Gesichtspunkt auf, wie wenig das VD16 genutzt wurde. Offenbar hat man erst zu einem sehr späten Zeitpunkt überhaupt angefangen hat, das VD16 zu konsultieren, und dies, wie es scheint, auch nicht systematisch. Gerade bei dem gedruckten Grundwerk des VD16 wäre es so bequem gewesen, alle Gesangbuchausgaben, die auf bestimmte Verfasser zurückgehen oder immer den gleichen Titel tragen, unter dem betreffenden Buchstaben mit den chronologischen Nummern aufzufinden. Das wurde offensichtlich nie gemacht, weshalb eine ganze Reihe von Ausgaben, die im VD16 verzeichnet sind, in der Gesangbuchbibliographie fehlen (z. B. G 905, G 920, G 956, G 969, G 973 u. a.)

Im Ganzen werden in der Datenbank ca. 150 VD16-Nummern aufgeführt, wenn auch in ganz verschiedenen Rubriken: nicht nur unter „Sigle“, sondern auch unter „Fundort“ oder unter „Titel“, dort manchmal auch ohne den Zusatz „VD16“, so dass nur Spezialisten verstehen, um welchen Code es sich dabei handelt. Die mit VD16-Nummern identifizierbaren Ausgaben dürften dagegen am Ende ca. 600 sein, wenn man alle Doppelaufnahmen abzieht (ungefähr 100). Das heißt allerdings auch, dass der Anteil an Ausgaben, für den noch keine VD16-Nummer existiert, mit ca. 250 Drucken relativ hoch liegt. Es scheint ein Charakteristikum dieser Gattung zu sein, dass sie auf sehr viele, auch kleine Bibliotheken verstreut ist, die zum Teil noch gar nicht vom VD16 erfasst werden.

Im Vergleich zu der unzureichenden Berücksichtigung des VD16 wurde für den Zeitraum von 1601 bis 1700 das VD17 in viel ausgiebigerem Maße genutzt. Die gesamten Einträge in der Gesangbuchbibliographie für das 17. Jahrhundert betragen ca. 2700 (höchstwahrscheinlich sind auch hier viele Doppeleinträge abzuziehen) und die mit VD17-Nummern identifizierten Ausgaben sind etwa 1200, also etwas weniger als die Hälfte.

Aber immerhin wurde in der Gesangbuchbibliographie mit der Abgleichung der Einträge mit dem VD16 zumindest begonnen. Dagegen hat das Folgeprojekt des DKL, nämlich „Das deutsche Kirchenlied – Kritische Gesamtausgabe der Melodien, Abteilung III: Gesamtausgabe der Melodien aus gedruckten Quellen“, das von 1993 bis 2010 in mehreren Bänden erschienen ist, ganz auf die VD16-Nachweise verzichtet, wie ich von dem freundlichen und effizienten bibliothekarischen Auskunftsdienst der Göttinger SUB erfuhr (ich selbst komme hier in Italien an dieses Werk nur schwer heran). Jedenfalls soll nun das Verzeichnis der VD16-Nummern im Wiki der Drucke des 16. Jahrhunderts diesem Mangel der Gesangbuchbibliographie abhelfen.

Hier schon einmal einige Berichtigungen nach einer ersten Durchsicht:

Viele der Doppeleinträge würden sich schon allein durch die Signaturen der benutzten Exemplare herausfinden lassen (zum Beispiel Wittenberg 1524 und Wittenberg 1524, auch dann, wenn verschiedene Datierungsvorschläge existieren: 1552 und 1550.

In einem Fall bezieht sich die Druckortangabe auf den Druckort einer modernen Faksimile-Ausgabe (Ausgabe Thorn 1587, angeblich in Frankfurt gedruckt), und in einem anderen wird der Name des Druckers Kriegstein als Druckort genannt. Zweifel an einem Druckort, der mit „Franck ?“ abgekürzt wird und in dem „Christ. Egen. Erben“ als Drucker wirken, dürfte es eigentlich auch nicht geben, zumal hiervon auch die VD16-Nummer bekannt ist.

Verwirrt wurden einige Mitarbeiter des Projekts offenbar zudem von den Bibliotheksstandorten, die in den Verbundkatalogen für die Microfiche-Ausgabe der Bibliotheca Palatina zu finden sind, sie erscheinen nämlich in der Gesangbuchbibliographie als Fundorte der Originaldrucke (welche sich vielmehr in der Biblioteca Vaticana in Rom befinden), vgl. Heidelberg 1577 sowie o.O. 1560.

Eine Ausgabe von 1558 wird noch einmal beim Jahr 1573 einordnet, vermutlich weil die Anzahl der Blätter (1573) in die falsche Spalte gerutscht ist. In einem anderen Fall stellt sich durch eine Überprüfung im Göttinger OPAC heraus, dass sehr wahrscheinlich eine Mikrofiche-Reproduktion eines Druckes von 1570 als weitere Ausgabe gewertet wurde (eine Nachfrage in Göttingen, ob sie dort wirklich 2 verschiedene Ausgaben des Buchs von 1570 besitzen, könnte hier letzte Sicherheit verleihen) und ein Text von 1589 (ebenfalls vorhanden in Göttingen) wird auf 1585 datiert, nur weil andere angebundene Texte im Jahr 1585 gedruckt wurden.

Und schließlich: Sehr störend für die Arbeit mit der Bibliographie ist, dass die Siglen für viele Bibliotheksstandorte in der Fundort-Liste nicht aufgelöst sind und sich auch nicht intuitiv erschließen (jedenfalls mir nicht).

Angemessen würdigen kann man das ganze Werk – auch in seinem jetzigen Entwicklungsstand – sicherlich nur dann, wenn man die ganze Masse des Materials wahrnimmt, also vor allem die späteren Jahrhunderte. Aber so viel kann man auch von dem relativ kleinen Ausschnitt aus, den ich mir angesehen habe, sagen: Man muss vorsichtig mit den angebotenen Daten umgehen, weil vieles noch in einem unkorrigierten Zustand ist.

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