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Übersetzung eines Gerson-Textes von Georg Spalatin (vor 1520)

Juli 8, 2013

Diesmal möchte ich ausnahmsweise nicht von einem Druck, sondern von einer Handschrift des 16. Jahrhunderts berichten, nämlich einer Übersetzung von Georg Spalatinus. Auf diese Handschrift bin ich schon vor ca. 25 Jahren gestoßen, als ich (gemeinsam mit anderen) bibliographische Recherchen für das „Repertorium deutschsprachiger Ehelehren der Frühen Neuzeit“ machte. Von Spalatin stammt auch eine sehr kurze Schrift zur Ehe (Vierzehen Ursachen, Erfurt 1531, VD16: S 7442), und deshalb musste für das geplante Repertorium Material zu dem Autor zusammengetragen werden. Gleichzeitig suchte ich damals aber auch schon nach Texten, die möglicherweise mit der Haustafel von Luther zusammenhängen konnten, weil das mein Dissertationsthema werden sollte, und so habe ich mir, als ich im Artikel der Allgemeinen Deutschen Bibliographie über Spalatin den Titel „Eyn innig Buchlein Christlich zueleben zue hayl allen stenden“ las, diesen gleich herausgeschrieben. Allerdings kam ich dann zu meiner Enttäuschung damit erst einmal nicht weiter, ich fand überhaupt nichts dazu.

Irgendwann habe ich mich dann entschlossen, nach Gotha zu schreiben, wo die Handschrift liegt. Das war einige Zeit nach dem Fall der Mauer, und für die Arbeiten an dem „Repertorium“ war ich auch schon direkt nach dem Fall einmal da gewesen. Aber ich hatte bereits bei jenem ersten Besuch den Eindruck, dass man dort (genauer gesagt der damalige Bibliotheksdirektor Helmut Claus) höchst misstrauisch gegenüber den Westlern war, die sich da, wie es ihm wohl schien, gleich alles unter den Nagel reißen wollten. Der Empfang war jedenfalls sehr reserviert (wenn man bedenkt, wie viele akademische Einrichtungen der DDR dann wirklich abgewickelt oder unter die Leitung von Westdeutschen gestellt wurden, dann war dieses generelle Misstrauen zu der Zeit ja vielleicht auch nicht ganz unberechtigt. Vielleicht machte ich aber auch nur einen unseriösen Eindruck, das würde mich bei meinem damaligen Outfit nicht wundern).

Jedenfalls habe ich dann auch nur mit den Achseln gezuckt, als ich von der Handschrift nur das Titelblatts und vier weitere Seiten als Kopie zugeschickt bekam. Daraus erhielt ich zwar keinen Überblick über den gesamten Text, konnte an den Textausschnitten aber doch sehr klar erkennen, dass es sich um eine Übersetzung einer kleinen Schrift von Jean Gerson handeln musste, die lateinisch auch mehrmals gedruckt worden war, meist unter dem Titel: „De modo vivendi omnium fidelium“. Die Schrift war mir deshalb bekannt, weil sie sehr wahrscheinlich die Vorlage für Luthers Haustafelreihung gewesen ist, jedenfalls geht man in der Lutherforschung davon aus.

In der Dissertation konnte ich mich nicht näher damit auseinandersetzen, denn mir ging es darin hauptsächlich um die Rezeption der Haustafel im 16. Jahrhundert, nicht um die Vorgeschichte. Aber ich habe doch kurz auf Spalatins Übersetzung hingewiesen und habe angemerkt, dass dies sehr wahrscheinlich die Schrift von Gerson gewesen ist, die im 16. Jahrhundert und danach den größten Einfluss auf die Nachwelt hatte, eben weil Luther das Modell der Zusammenstellung von Sprüchen aus den neutestamentlichen Episteln von Gerson übernommen hat (vgl. in der Diss S. 81-84).

Erwähnenswert ist außerdem, dass später der katholische Kontroverstheologe Adam Walasser Gersons Schrift noch einmal ausgegraben und selbst erneut übersetzt hat (1572; VD 16: W 791). Diese Übersetzung hatte aber weniger Erfolg als Luthers Bearbeitung, sie wurde danach nicht wiederaufgelegt (vgl. in der Diss S. 236-238). Jedenfalls hatte, als meine Dissertation 2008 fertig war, weder die Gerson-Forschung noch die Spalatin-Forschung die Handschrift von Spalatin zur Kenntnis genommen.

Deshalb war ich jetzt vor einiger Zeit ganz interessiert, als ich las, dass Daniel Gehrt auf einer Tagung über Spalatin einen Beitrag geliefert hatte, in dem es um die Erschließung der Spalatin-Handschriften in Gotha ging. Jetzt im Juli plante ich nach Berlin zu fahren, der Tagungsband (Kessler/Penndorf (Hg.): Spalatin in Altenburg) war 2012 herausgekommen, und ich war also ziemlich sicher, ihn in Berlin irgendwo einsehen zu können. Zu meiner Überraschung musste ich aber feststellen, dass es keine einzige Bibliothek in Berlin gibt, die dieses Buch angeschafft hat. (Das war einmal anders in Berlin, da bekam man alles, was neu und wichtig war – das ist heute nicht mehr so.)

Ich habe deshalb Daniel Gehrt direkt angeschrieben, und er hat mir netterweise (obwohl er mich gar nicht kennt) gleich eine Kopie seines Beitrags zugeschickt (herzlichen Dank noch einmal nach Gotha!) und dazu auch noch einen Hinweis auf einen Ausstellungskatalog von 2009, in dem der Herausgeber Christoph Fasbender diese Handschrift kurz vorstellt (Conradus Mutianus Rufus und der Humanismus in Erfurt. Gotha 2009. Auch dafür nochmal danke, da wäre ich alleine nicht drauf gekommen). Dass dieser Text von Gerson die Vorlage für Luthers Haustafel war, war dem Herausgeber des Katalogs offenbar nicht bekannt. Ich werde ihm auch noch schreiben, denn das ist ja ein nicht unwichtiges Detail, zumal Fasbender, wie Daniel Gehrt in seinem Beitrag mitteilt, den Artikel über Spalatin in der Fortsetzung des Verfasserlexikons „Deutscher Humanismus 1480-1520“ schreibt. Vielleicht kann dieser Zusammenhang da noch untergebracht werden.

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One Comment
  1. Vielen Dank! Ich schreibe ein Buch ueber Gerson’s Einfluss und Ihre Seite ist fuer mich sehr wichig und interessant. Ich moechte mehr wissen!

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