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Zur „Liste der deutschen Bibliotheken mit mehr als 100 Drucken des 16. Jahrhunderts“

Mai 15, 2013

Vorweg eine Korrektur zu dem vorhergehenden Blogeintrag: wie man an der „Liste der deutschen Bibliotheken mit mehr als 100 Drucken des 16. Jahrhunderts“ erkennen kann, mussten nicht nur in der Stadtbibliothek Braunschweig, sondern auch in der UB Köln und in der FB Gotha einzelne Datensätze im VD16 gestrichen werden, so dass auch dort die Gesamtzahlen der Meldungen ans VD16 geringfügig zurückgingen.

In anderen Bibliotheken könnten solche „Verluste“ vielleicht auch einfach durch neue Meldungen absorbiert worden sein. Bei einer kurzen Recherche sind mir nämlich auch mehrere Doppelmeldungen in der Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel und in der Staatsbibliothek Berlin aufgefallen. Aber systematisch kann man solche Kontrollen bei derartigen Datenmengen wie in Wolfenbüttel und Berlin nicht machen, jedenfalls nicht so nebenbei. Zumal diese Recherchen auch nicht so einfach sind, wie ich im vorigen Blogeintrag gemeint habe. In Wolfenbüttel z. B. sind viele Dissertationen nicht einzeln katalogisiert, sondern unter einer Sammelsignatur. Gleiche Signaturen bedeuten hier noch lange nicht, dass sie auf das gleiche Exemplar verweisen. Und im Katalog der UB Heidelberg wurde diese Praxis offenbar nicht nur bei Dissertationen angewandt. Vielleicht hat das VD16 selbst ja spezielle Methoden, den Doppelmeldungen auf die Spur zu kommen.

Hier noch einige Anmerkung zur Entstehung dieser Liste der Bibliotheken mit Drucken des 16. Jahrhunderts. Eigentlich war die Liste anfangs nicht für das Wiki der Drucke des 16. Jahrhunderts gedacht, sie stand aber am Anfang der Idee zu dem Wiki. 2006 hatte ich den Betreibern des germanistischen Mittelalter-Portals „mediaevum“ den Vorschlag gemacht, ein Forum zur Literatur der Frühen Neuzeit einzurichten. Ich hatte nämlich nach Blogs zur Frühen Neuzeit gesucht und damals außer „archivalia“ eigentlich nichts gefunden.

Die Betreiber haben dem Vorschlag, für mich überraschend, sofort zugestimmt. Im ersten Diskussionsstrang (sehr viel mehr passierte dann da aber auch nicht) ging es um das VD16, mit dem ich schon seit längerem viel arbeitete und das damals erst seit kurzer Zeit online war, wodurch sich viele neue Perspektiven eröffnet hatten. Gleich zu Beginn eines Gesprächs mit anderen Forumsteilnehmern stellte sich die Frage, wie viele Bibliotheken an dem Projekt denn eigentlich teilnahmen und in welchem Umfang (die offiziellen Zahlen lagen damals bei ca. 240, aber das schien auf den ersten Blick ziemlich unwahrscheinlich). Ich habe dann angefangen, mich genauer über das VD16 zu informieren, sehr viel veröffentlichtes Material gab es dazu nicht.

Aber als dann zwei Jahre später auch das Handbuch der historischen Buchbestände online zugänglich war, habe ich einmal versucht, systematisch zusammenzustellen, wie viele Drucke des 16. Jahrhunderts in Deutschland wohl existieren und wie viele davon schon ans VD16 gemeldet waren. Es wurde sehr schnell klar, dass in Wirklichkeit nur relativ wenige Bibliotheken wirklich dem VD16 zutrugen (darunter allerdings die drei größten in Deutschland: München BSB, Wolfenbüttel und Berlin SB). Ich habe dann für das mediaevum-Forum die Bibliotheken mit Beständen des 16. Jahrhunderts aus dem Handbuch der historischen Buchbestände herausgesucht und den dort genannten Zahlen die Zahl der Meldungen ans VD16 gegenübergestellt.

Die ersten Daten dazu stammen noch aus der alten online-Besitzstandsdatei, die die HAB Wolfenbüttel online etwa bis 1997 führte. Diese Datei wurde später in München weitergeführt, während die Version im Netz nicht mehr weiter gepflegt wurde, aber bis vor ca. 2 Jahren noch zugänglich war. Etwa 100 Standorte haben schon 1997 nur einen einzigen oder nur 2 bis 3 Drucke gemeldet (einige auch gar keine). Sie werden zu den „teilnehmenden“ Bibliotheken gezählt, obwohl sie gar nicht teilnehmen. Die meisten Bibliotheken melden nur sporadisch und nur dann, wenn zufällig eine noch nicht im VD16 vorhandene Ausgabe bei ihnen auftaucht.

In das Wiki habe ich die Liste der deutschen Bibliotheken dann 2011 in einer erweiterten Form aufgenommen, weil in diesem Kontext eventuelle Korrekturen und Aktualisierungen leichter vorzunehmen sind als in dem Forum. Die Aktualisierungen kann ich so zukünftig auch nebenbei mit einer Art von „VD16 Watch“ verbinden.

Regelmäßige Meldungen ans VD16 kommen natürlich von der BSB München selbst, zum großen Teil wohl auch durch ihren Sammelauftrag für das 16. Jahrhundert im Rahmen der Sammlung Deutscher Drucke. Ebenso hat die Berliner Staatsbibliothek immer noch jedes Jahr über 100 Meldung , davon viele neue Titel, wie auch die Ratsschulbibliothek in Zwickau, die offenbar vorhat, ihre gesamten Bestände ans VD16 zu melden. Die UB Köln, die ULB Halle und die FB Gotha haben nach eigenen Angaben auf ihren homepages schon ihre gesamten Bestände des 16. Jahrhunderts ans VD16 gemeldet.

Besonders auffällig war bis vor zwei Jahren der extrem schnelle Zuwachs an Meldungen aus der Bibliothek des Predigerseminars in Wittenberg, die in drei Jahren über 5000 Titel eingebracht hat, allerdings fast nur bereits vorhandene. Auch die Stadtbibliotheken von Hannover, Erfurt und Mainz haben in den letzten Jahren jeweils mehr als 1000 Drucke angezeigt, dasselbe gilt für die UB Eichstätt, und einige hundert Ausgaben meldete auch die Stadtbibliothek Nürnberg.

Andere große Bibliotheken haben offenbar kein Personal für diese Aufgaben frei, wie z. B. die WLB Stuttgart, die den zweitgrößten Inkunabelbesitz in Deutschland hat, aber, wie es scheint, bis heute selbst nicht weiß, wie viele Drucke des 16. Jahrhunderts sie überhaupt besitzt. Dasselbe gilt wohl auch für die UB Augsburg. Die Liste der fehlenden Bibliotheken, die zwar im VD16 eine Teilnehmernummer haben, aber nicht wirklich teilnehmen, ist lang, und sie wird noch viel länger, wenn man die ausländischen Bibliotheken hinzuzählt. Viele geben wohl eine Menge Geld für Digitalisierungen aus, aber für Meldungen an das VD16 fehlen die Ressourcen.

Wirklich eigenartig ist aber das Verhalten von Bibliotheken wie der SULB Dresden und der SUB Göttingen. Die frühere Teilnahme am VD16 wird dort nämlich regelrecht verschwiegen. Göttingen hatte schon 1997 6400 Meldungen im VD16, es muss dort also über mehrere Jahre ein größeres Projekt gegeben haben. In welchem Zeitraum die weiteren ca. 4500 Titel hinzukamen, die sie jetzt im VD16 aufweist, kann man nicht genau sagen, weil die vom VD16 in München benutzte Datenbank bis zum vergangenen Jahr Bestände über 5000 Titel nicht anzeigte. Jedenfalls bezeichnete ein Mitarbeiter in einer e-mail, die ich 2008 erhielt, das Erschließungsprojekt zum 16. Jahrhundert als abgeschlossen, er wollte aber keine genauen Angaben machen.

Andreas Kühne, der ca. 1990 eine Briefumfrage durchgeführt und 1995 veröffentlicht hat (Bibliographie zum Schrifttum des 16. Jahrhunderts), schätzte die Bestände des 16. Jahrhunderts in Göttingen auf 22.000; das Fabian-Handbuch gibt dazu keine genauere Auskunft. Da die Inkunabelbestände bei ca. 3000 Titeln liegen, so wie in der UB Freiburg , die auch ca. 22.000 Drucke des 16. Jahrhunderts besitzt, könnte Kühnes Schätzung hinkommen. Die im VD16 verzeichneten Meldungen liegen jetzt bei 10.888. Auch wenn man von den geschätzten 22.000 Drucken die Mehrfachexemplare und die im Ausland gedruckten Schriften abziehen muss, dann ist doch klar, dass hier noch einiges fehlt. Aber auf der homepage der Göttinger SUB wird das VD16 unter der Rubrik „abgeschlossene Projekte“ überhaupt nicht erwähnt (anders als z. B. das VD17). Man hat den Eindruck, dass dort die Erfassung der Drucke des 16. Jahrhunderts für das VD16 vorzeitig abgebrochen worden ist.

Dasselbe Phänomen kann man in Dresden beobachten. 1997 hatte die SLUB 3700 Titel gemeldet. 2008 gab es auf der homepage der Bibliothek präzise Angaben zum Stand der Erfassung ihrer Bestände im VD16: insgesamt ca. 40.000 Drucke des 16. Jahrhunderts vorhanden, davon ca. 24.000 aus deutschen Sprachraum, von diesen bis zum Juli 2008 7464 Titel im VD16 verzeichnet, also ziemlich genau ein Drittel. Heute sind es etwa 7.700. Auch dort hat es also ein entsprechendes Projekt gegeben. Aber in der Rubrik „Abgeschlossene Projekte“ gab es keinerlei Hinweis mehr darauf. Jetzt wird die Rubrik im übrigen „Jüngst abgeschlossene Projekte“ genannt.

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One Comment
  1. Die im Ausland vorhandenen Bestände sind teilweise sehr gut erschlossen und digitalisiert. Sie könnten daher zu Vergleichen oder bei Unikaten zu Vervollständigungen der VD16 verwendet werden. Ein Beispiel:

    Anfang des Jahres teilte J. Garrett mit, daß „288 of the 314 16th century
    imprints“ der Schulze-Greenleaf Library als Digitalisate online gestellt
    wurden. Die Buchbestände gehen zurück auf eine Schenkung von Herrn Johannes
    Schulze (1786–1869), den J. Garrett vorstellt als „ senior official in the
    Prussian ministry of religion and culture, friend and companion to Goethe,
    Hegel, Schopenhauer, and Leopold von Ranke.“

    http://www.library.northwestern.edu/news-legacy/2013/january/northwestern-co
    mpletes-digitization-16th-century-library

    Auf die deutschen Erschließungsprojekte VD16 etc. wird kein Bezug genommen.
    Die Buchbestände sind in einer langen chronologisch geordneten Tabelle
    verzeichnet und mit den jeweiligen Digitalisaten verbunden:

    http://digital.library.northwestern.edu/xsearch/schulze.html

    Vielen Dank für Ihre stets gut recherchierten VD16 Beiträge!

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