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Vatermord in Lützelfluh

März 8, 2013

Kleine Funde in einer Predigtsammlung

Bei der Arbeit an meiner Dissertation über Haustafelliteratur des 16. Jahrhunderts fand ich in einem Predigtband über den Katechismus von Heinrich Roth ein Zeitungslied über einen Vatermord im Jahre 1569 in dem Schweizer Dorf Lützelfluh bei Bern. Das Lied war innerhalb einer Predigt über die Pflichten der Kinder gegenüber ihren Eltern eingefügt (vgl. in der Diss S. 178f). Genauer gesagt handelte es sich um zwei Lieder, das andere handelte von einem ungehorsamen Sohn in Ingolstadt, der seine Mutter geschlagen hatte. Aber während dieser letztere Text sehr bald als eine Bearbeitung eines Meisterlieds von Hans Sachs bestimmt werden konnte, die auch als anonymer Einzeldruck mit mehrfachen Auflagen herausgekommen war und vermutlich auch von Hans Sachs selbst stammt (VD16: S 541 – S 543, in Grimms Kinder- und Haus-Märchen Nr. 117 unter dem Titel „Das eigensinnige Kind“), blieben die Nachforschungen zu dem anderen Lied ohne Ergebnis. Auch das Volksliedarchiv in Freiburg konnte mir nicht weiterhelfen.

Das Lied erzählt von zwei Söhnen, die ihrem alten Vater Geld stehlen. Als dieser sie zur Rede stellt, leugnen beide die Tat. Nach einiger Zeit willigt aber einer der beiden Söhne ein, dem Vater zu zeigen, wo er das Geld versteckt habe. Er führt seinen Vater in den Wald und nach einem langen Weg bringt er ihn an einer verlassenen Stelle um. Der Vater wehrt sich zwar, kann gegen den jungen Mann aber nichts ausrichten. Der Sohn hängt seinen Vater mit einem Seil um den Hals an einen Baum. Als die Leiche entdeckt wird, denkt man zuerst an einen Selbstmord. An dem Seil findet man aber Blutspuren, weil der Vater im Kampf mit seinem Sohn versucht hatte, sich mit einem Messer zu wehren. Ein Richter aus Bern wird gerufen, die Söhne werden gefangen und verurteilt. Der eine Sohn wird wegen des Diebstahls mit dem Schwert hingerichtet, der andere wird wegen des Vatermords gefoltert und dann gerädert, aufgehängt und mit Fackeln verbrannt.
(hier abgedruckt)

Herausfinden konnte ich immerhin, dass dieser Mord über den Lieddruck hinaus ein gewisses überregionales Aufsehen erregt hat. Der Züricher Reformator Heinrich Bullinger berichtet von der Tat in einem Brief, in dem er die Hinrichtungen auf den 3. Mai 1569 datiert. Danach hat auch der schlesische Pfarrer Sigismund Schwabe in einer 1572 gedruckten Predigt diese Geschichte als Exemplum benutzt (S 4541, spätere Auflagen S 4548 und S 4549; vgl. in der o. angeg. Dissertation, S. 179, Anm.)

Nun ist mir vor Kurzem aber der Titel dieses Liedes durch Zufall in der alten Bibliographie Annalen der poetischen Nationalliteratur (Bd. 2 von 1864, S. 434, Nr. 582) von Emil Weller aufgefallen. Der Druck war früher sogar in Berlin vorhanden, ist nun aber Kriegsverlust (Berlin SB: 23 in Yd 7830). Auch in der neuen Liederbibliographie von Nelsen ist der Titel verzeichnet. (Eberhard Nehlsen: Berliner Liedflugschriften BLF. Baden-Baden 2008, Nr. 811) Entgangen war mir dieser Druck deshalb, weil der Ort Lützelfluh (so auch bei Roth) im Titel des Liedes als „Lützelflut“ bezeichnet wird, jedenfalls steht es so im Berliner Katalog und auch bei Weller.

Immerhin: wenn in Zukunft kein weiteres Exemplar dieses Druckes mehr zum Vorschein kommen sollte, dann wäre Heinrich Roths Predigt der einzige Überlieferungszeuge für dieses Lied.

Roth, der in seinen Katechismuspredigten generell sehr erzählfreudig ist und viele Exempel vorstellt, hat noch weitere Flugschriften in seine Predigten aufgenommen. An die Haustafelpredigt über die Pflichten des Gesindes hat er als Negativexempel eine Mordgeschichte angehängt, die er aus einem ganz aktuellen Flugblatt abgeschrieben hat, nämlich aus dem Einblattdruck von 1572 über den Mord des Dieners Christoph Wind an seinem Dienstherrn Victor Schenitz (abgedruckt in: Deutsche illustrierte Flugblätter des 16. und 17. Jahrhunderts Bd. 7, Die Sammlung der Zentralbibliothek Zürich – Teil 2. Die Wickiana. – 2 (1570-1588), hrsg. v. Wolfgang Harms und Michael Schilling. Tübingen 1997, Nr. 24).

Auch im ersten Band von Roths Katechismuspredigten schließt an die Predigt über den zweiten Glaubensartikel ganz unvermittelt der Text einer Flugschrift über das Erdbeben von Ferrara von 1570 an. Darin wird – offenbar eine Übersetzung des Briefs eines Augenzeugen – sehr detailliert über die Schäden einer verheerenden Naturkatastrophe in Italien berichtet. Unmittelbar anschließend folgt der Bericht einer Sturmflut bei Antwerpen und in Friesland, ebenfalls aus dem Jahr 1570. Beide Ereignisse werden offenbar als Vorankündigungen des Weltuntergangs verstanden. In dieser Kombination ist der Text in verschiedenen deutschen Flugschriften von 1570 oder 1571 überliefert (VD 16 ZV 18121, A 4461; ZV 11488; ZV 15368; ZV 15359).

An das Erdbeben von Ferrara war zufälligerweise erst noch vor wenigen Monaten in der Presse erinnert worden, als sich das schwere Erdbeben in Emilia im Mai 2012 ereignet hatte, weil die Gegend offiziell eigentlich als erdbebensicher angesehen wurde, wobei jedoch das große Beben von 1570 nicht in Betracht gezogen worden war. Gerade die historische Katastrophenforschung könnte von der Auswertung nicht nur von Flugschriften, sondern auch von Predigten profitieren.

Das Flugblatt über den Mordfall Schenitz und die Flugschriften über das Erdbeben von Ferrara sind nicht verloren gegangen wie die Liedflugschrift vom Vatermord in Lützelfluh, d.h. es handelt sich bei diesen nicht um echte Entdeckungen, sondern nur um interessante Beispiele der Rezeption tagesaktueller Flugschriften im Predigtschrifttum. Trotzdem sind solche Abdrucke innerhalb einer Predigtsammlung als zusätzliche sekundäre Textzeugen zu verzeichnen.

Nach den Regeln des VD16 werden solche Einschübe eigentlich nicht gesondert erfasst, weil sie in den Gesamttext integriert worden sind. In der Tat würde die gesonderte Aufnahme solcher Texte im VD16 enorme Schwierigkeiten bereiten, wenn man an gewisse umfangreiche Schriften denkt, die ausschließlich Kompilationen kleinerer älterer Texte darstellen. Aber das „Wiki der Drucke des 16. Jahrhunderts“ kann in diesen Fällen sehr viel tiefer als das VD16 ins Detail gehen.

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