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Cinquecentine: Plädoyer für einen Fachbegriff

Dezember 16, 2012

“Cinquecentine” ist ein italienischer Begriff, es ist die Pluralform von “cinquecentina” und bedeutet, wörtlich übersetzt, „Fünfhundertchen“. Es ist also ein Diminutiv von „cinquecento“ = „fünfhundert“, was aber zugleich auch „16. Jahrhundert“ bedeutet. Als „cinquecentine“ bezeichnet man die Drucke des 16. Jahrhunderts. Im „Lexikon des gesamten Buchwesens“ findet sich dazu allerdings kein Eintrag.

Die Tatsache, dass die italienische Sprache einen Fachbegriff für diese Bücher hat (so wie „incunabula“ in allen Sprachen für die Drucke des 15. Jahrhunderts steht), ist kein Zufall. Traditionell werden die Drucke des 16. Jahrhunderts in italienischen Altbestandsbibliotheken neben den Inkunabeln separat registriert. Viele gedruckte Kataloge kleinerer Bibliotheken stellen ihre Inkunabelbestände zusammen mit den Drucken des 16. Jahrhunderts vor. Auch in den italienischen Bibliothekshandbüchern werden regelmäßig neben der Anzahl der vorhandenen Inkunabeln die entsprechenden Zahlen zu den Cinquecentine genannt. Ebenso die jährliche Statistik des italienischen Kulturministeriums, das für 46 staatliche Bibliotheken zuständig ist: auch hier gibt es neben den Inkunabelbeständen eine eigene Rubrik für die Cinquecentine.

Die besseren Suchmöglichkeiten anhand dieses Begriffs, sowohl im Internet als auch in den Indices der Forschungsliteratur, liegen auf der Hand. Für das „Wiki der Drucke des 16. Jahrhunderts“ habe ich vor kurzem eine Liste der italienischen Bibliotheken mit mehr als 1000 Cinquecentine erstellt. Hierfür konnte ich die Daten einem ganz gewöhnlichen Bibliotheksführer entnehmen.

Zuvor hatte ich schon an einem anderen Ort eine solche Liste für deutsche, österreichische und Schweizer Bibliotheken veröffentlicht, die ich dann für das Wiki auf die Bibliotheken mit mehr als 100 Drucken des 16. Jahrhunderts erweitert habe.
Glücklicherweise gibt es für den deutschsprachigen Bereich das „Handbuch der historischen Buchbestände“, in dem jeder Artikel zu einer Bibliothek einen Eintrag zur chronologischen Bestandszusammensetzung enthält.

Dieses Handbuch ist in den Jahren von 1992 bis 2000 erschienen, und erst seit dieser Zeit besteht in vielen Bibliotheken eine genauere Vorstellung davon, wie viele Drucke des 16. Und 17. Jahrhunderts sie eigentlich besitzen. (Natürlich war dafür auch das VD16 sehr wichtig, aber in Wirklichkeit nehmen am VD16 gar nicht so sehr viele Bibliotheken aktiv teil.) Trotzdem geben deutsche Bibliotheken auf ihren Web-Seiten in der Regel immer noch nur die Zahl der Inkunabeln an.
Die Liste der deutschen Bibliotheken im Wiki wird relativ häufig angeklickt, sie scheint also auf ein gewisses Interesse zu stoßen. Ich habe sie daraufhin auch in Wikipedia eingestellt.

Ich dachte nun, auch für die USA wäre eine solche Liste ganz nützlich. Aber trotz intensiver Suche (auch mit Hilfe von Fragen an bibliothekarische Auskunftsdienste) habe ich nicht herausgefunden, wie und wo man an die entsprechenden Daten herankommt. Auf den homepages finden sich nur in Ausnahmefällen Hinweise.

Die Sixteenth Century Society stellt auf ihrer Website fünf große amerikanische Bibliotheken mit Beständen des 16. Jahrhunderts vor (Folger Shakespeare Library, Huntington Library, John Carter Brown Library, Library of Congress, Newberry Library). Aber zu der größten von diesen, der Library of Congress, haben selbst sie keine Zahlen zum Gesamtbestand der Cinquecentine. (Es wäre, nebenbei gesagt, sehr schön, wenn diese ganze Seite in Zukunft noch erweitert werden könnte.)

Einige wenige Bibliotheken haben sogar gedruckte Kataloge zu den Drucken des 16. Jahrhunderts:

– Richard Durling: A catalogue of sixteenth century printed books in the National Library of Medicine. Bethesda 1967

– Matthias Adam Shaaber: Sixteenth-century imprints in the libraries of the University of Pennsylvania. (Philadephia) 1976

Aber in der Regel sind Cinquecentine in amerikanischen Forschungsbibliotheken auf viele „Collections“ verteilt. Vermutlich müsste man sich an jede einzelne Bibliothek wenden. Die wichtigsten Adressen werden wohl die 42 Bibliotheken sein, deren Bestände dem „Short-title catalogue of books printed in Italy and of books in Italian printed abroad, 1501-1600, held in selected North American libraries“ von Robert G. Marshall (Boston, Mass., 1970) zu Grunde liegen. Und weitere Adressen findet man, wenn man sich an die Liste des Gesamtkatalogs der Wiegendrucke hält (unter: „Bestände“, dann suchen nach: „Vereinigte Staaten“).
Denn wo, sagen mir mal, mehr als 100 Inkunabeln vorhanden sind, da wird man auch nennenswerte Bestände zum 16. Jahrhundert finden. Allerdings wären darin die Bibliotheken mit reformationshistorischem Sammelschwerpunkt noch nicht inbegriffen. Aber selbst ohne letztere wären das mehr als 150 e-mails, die zu verschicken wären, und es ist gar nicht sicher, ob die Bibliothekare dort genaue Auskunft geben können.

Jedenfalls wäre die Existenz eines Fachbegriffs wie „Incunabula“ vielleicht ein Anlass, in Erwägung zu ziehen, die „Cinquecentine“ als eigene Kategorie wahrzunehmen (und vielleicht sogar gesondert zu registrieren).

Zum Begriff „cinquecentina“ vgl. auch die Rezension zu L. Baldacchini: Cinquecentina. Roma 2003 (auf Italienisch)

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