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Ständereihungen in Neujahrspredigten des 16. Jahrhunderts

Dezember 2, 2012

Das Hauptziel dieses Blogs ist die kommentierende Begleitung des Projekts „Wiki der Drucke des 16. Jahrhunderts“. Daneben sollen hier aber auch Funde und Ideen generell zur Literatur der Frühen Neuzeit vorgestellt werden.

Mit einer solchen Idee möchte beginnen:
Ein Gedanke, den ich schon seit Längerem mit mir herumtrage, ist, dass man einmal eine Art wissenschaftlichen „Wühltisch“ einrichten sollte, so etwas wie eine Resteverwertung von Funden, die man nebenbei bei seinen Forschungen gemacht hat und die man selbst nicht oder nicht mehr verwerten will. Eine Art Datenbank für kleine Funde, für Unvollendetes und für formulierte, aber nicht weiterverfolgte Probleme. Vielleicht zugleich eine Fundgrube für Leute, die auf der Suche nach einem interessanten Dissertationsthema sind.

Speziell für Handschriftenfunde wurde eine solche Idee bereits vor längerem auf der Webseite „perspicuitas“ formuliert, und zwar schon 1999 (da existierte selbst Wikipedia noch nicht). Aber wer zu früh kommt, den bestraft das Leben: leider gab es darauf keine Reaktionen. Die Einleitung zu der Rubrik von Kurt Otto Seidel könnte man, leicht angepasst, direkt für eine solche Datenbank übernehmen.

Eigentlich ist diese Idee eher etwas für Wissenschaftler im Ruhestand, denn jüngere Forscher werden kleine Funde oder Vorarbeiten vermutlich lieber für eventuelle spätere Publikationen oder Verwertungen aufheben. Aber irgendwann kommt dann ja wohl immer der Punkt, an dem man sich ausrechnen kann, dass aus bestimmten unausgeführten Plänen nichts mehr werden wird. Weil vielleicht zu viel anderes, was wichtiger ist, ansteht oder weil das bisher dazu Gesammelte selbst für eventuell noch anfallende Festschriftbeiträge nicht ausreichen würde. Oder man stellt einfach fest, dass das eigene Interesse an dem Material völlig erloschen ist.

Und warum sollte man dann solche Reste mit ins Grab nehmen? Vielleicht kann ja jemand mit diesem Material, wenn es ansprechend präsentiert wird, noch etwas anfangen?

Also, Wissenschaftler im Ruhestand bin ich nicht. Eine solche Datenbank einzurichten sollten daher vielleicht Berufenere übernehmen. Außerdem hat sich bei mir selbst ehrlich gesagt noch nicht besonders viel angesammelt. Aber bei einigen Kleinigkeiten weiß ich doch schon ziemlich genau, dass ich das nicht mehr intensiver bearbeiten werde. Und das würde ich dann gerne zu der noch zu gründenden Datenbank beisteuern. Zum Beispiel dies:

Ständereihungen in Neujahrspredigten des 16. Jahrhunderts

Eine der ganz wenigen neueren Untersuchungen zu diesem Thema ist ein Aufsatz von Dietrich Schmidtke, der auf eigene alte Aufzeichnungen zurückgreift:

Standesvögelserien in spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Neujahrspredigten, samt Abdruck der Neujahrspredigt, die Johann Rasser 1580 in Ensisheim im Elsaß gehalten hat. In: Ars et scienzia. Studien zur Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Festschrift Hans Szklenar, hrsg. v. Carola L. Goltzmann und Roswitha Wisniewski. Berlin 2002, S. 251-278.

Schmidtke beschreibt am Beginn, wie er für diesen Festschriftbeitrag seine alten Sammelmappen durchgegangen ist und wie er sich dann für die im Laufe von Jahrzehnten zusammengetragenen „Standesvögelserien“ entschieden hat. (Zur Auswahl standen aber auch erbauliche Aviarien für Nonnen oder eine Prosaübersetzung des Nachtigallliedes des John Peckam.)

Meine ersten Notizen zu Neujahrspredigten des 15. und 16. Jahrhunderts und zu der noch älteren Tradition der Ad-status-Predigten stammen noch vom Ende der 80er Jahre bis Anfang der 90er, als ich ein paar Mal in der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel war. Mir ging es um die lutherische Ständelehre in den Predigten. Danach gab es aber eine lange Pause von ca. 13 Jahren, worauf ich erst 2005 alles wieder herausgekramt habe. Den Neujahrspredigten habe ich ein Kapitel in meiner spätgeborenen Dissertation gewidmet. (Das wäre dann also nach Schmidtke die zweite neuere Untersuchung zu dem Thema).

Lehr-, Wehr- und Nährstand. Haustafelliteratur und Dreiständelehre im 16. Jahrhundert
Berlin 2009 (Diss 2008), S. 242-266

In den Neujahrspredigten teilten die Prediger an die Gemeinde symbolische „Geschenke“ aus, die allegorisch ausgelegt wurden. Den einzelnen Ständen wurden verschiedene Gegenstände oder Figuren zugeordnet, deren Eigenschaften als für den jeweiligen Stand bedeutsam erachtet wurden. Schmidtke konzentrierte sich bei seinen Forschungen auf Serien von bestimmten allegorisch ausgelegten Vögeln, aber es konnten auch z. B. Edelsteine oder biblische Figuren des Alten Testaments den einzelnen Ständen verehrt und entsprechend ausgelegt werden.

Luther hatte sich explizit gegen diese Art der Allegorese zum Neujahrstag ausgesprochen, er wollte, dass man an diesem Festtag nur über die Beschneidung Jesu und über den Namen Jesu spreche. Erst nach seinem Tod beziehen sich einzelne lutherische Prediger (z. B. Johannes Mathesius) positiv auf den alten Brauch, und ab ca. 1570 gibt es auch lutherische Neujahrsausteilungen, die dann regelmäßig auf das von Luther stammende Haustafelschema für die Abfolge der einzelnen Stände zurückgreifen. Es handelt sich also tatsächlich um die Wiederbelebung und Aneignung eines katholischen Brauchs, den Luther explizit abgelehnt hat.

Dieser Vorgang ist für das Verständnis der Herausbildung konfessioneller Kulturen im 16. Jahrhundert durch Abgrenzung und Aneignung sicher von Bedeutung. Ein interessanter Fall ist in diesem Zusammenhang die Postilla von Georg Spindler (Leipzig 1576, VD16: S 8337), die auch eine Neujahrspredigt mit Austeilungen enthält. Später ist Spindler aber dann zum Calvinismus übergetreten und hat auch in dieser Zeit noch einmal eine Postilla (o. O. 1594, VD16: S 8338) verfasst, die aber keine Neujahrspredigt mehr aufweist. Offenbar war die Übernahme des alten katholischen Brauchs nur eine Sache des Luthertums, und auch bei den Lutheranern hielten viele solche Predigten durchaus weiterhin für bedenklich.

Luther selbst schreibt darüber in seiner Kirchenpostille von 1522 (WA 10, 1,1, S. 504) so, als wenn diese Predigten bei den Altgläubigen zu seiner Zeit noch gang und gäbe seien, aber es fehlten bisher für die ersten beiden Drittel des 16. Jahrhunderts Nachweise für die fortdauernde Praxis dieses Brauchs. Mir war klar, dass die Suche sich nicht auf Texte aus Deutschland beschränken konnte, und tatsächlich fand ich dann im Internet einen Aufsatz von 1999 in einer flämischen historischen Zeitschrift, in dem von den handschriftlichen Notizen eines katholischen Pfarrers berichtet wird, der darin 1545 den Entwurf einer solchen Neujahrspredigt festgehalten hatte.

Willy L. Braekman: Nieuwjaarspreek met uitdeling van symbolische geschenken (1545). In: Ons Geestelijk Erf 73 (1999), S. 198-207.

Damit war nachgewiesen, dass der Brauch tatsächlich noch praktiziert wurde, aber offenbar wurden solche Predigten nicht mehr gedruckt, jedenfalls sind bisher keine Drucke bekannt geworden. Bis jetzt sieht es vielmehr so aus, dass die erste im 16. Jahrhundert gedruckte Neujahrspredigt mit symbolischen Schenkungen von Sigismund Schwabe (Suevus) stammt, Görlitz 1570 (VD16: S 4524).

Aber wenn man sicher sein möchte, dann darf man nicht nur nach separat gedruckten Predigten im VD16 suchen, sondern man muss auch die Postillen überprüfen, also die Predigtzyklen über das ganze Kirchenjahr. Diese sind gewöhnlich in einen Sommer- und einen Winterteil getrennt und erfassen alle Sonntagspredigten über die für die jeweiligen Tage vorgeschriebenen Bibelstellen. Als dritten Teil enthalten viele Postillen noch gesondert die Festtagspredigten, und in diesen sind auch manchmal Neujahrspredigten enthalten. Aber alle Postillen systematisch zu durchsuchen wäre ein sehr aufwändiges Vorhaben.

Einen Eindruck von der Masse an Ausgaben bekommt man bei Hans-Christoph Rublack, der sich dabei allein mit den lutherischen Postillen auseinandergesetzt hat und in einem Anhang eine Liste von Titeln angefügt hat. Auf die Neujahrspredigten geht er aber leider nicht ein.

Hans-Christoph Rublack: Lutherische Predigt und soziale Wirklichkeiten. In: Die lutherische Konfessionalisierung in Deutschland. Gütersloh 1992, S. 344-395.

Dasselbe gilt auch für die jüngste Untersuchung über Postillen, die vor allem auch katholische Predigten berücksichtigt:

John M. Frymire: The primacy of the postils. Catholics, Protestants and the dissemination of ideas in early modern Germany. Leiden 2010.

Vielleicht könnte man Hinweise auf Neujahrspredigten finden, wenn man an den Nachlass von Rublack herankommen könnte (er ist 2006 verstorben), in der Hoffnung, dort Notizen zu seinen Postillen-Studien zu entdecken.

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